Folge 32: Das Kurorchester Bad Oeynhausen
Shownotes
Das Kurorchester in Bad Oeynhausen und seine Leiterin Denise Gruber führen die Kurmusik zu ganz neuen Aufgaben. Sie findet nicht nur für die Reha-Patienten regelmäßig in der Wandelhalle des Kurparks statt, sondern auch für die Bevölkerung vor Ort, Kooperationen mit Schulen, Kultur- und Senioreneinrichtungen bereichern das Kulturleben in der Stadt. Für das Symposium „Musik bleibt Medizin“ im Oktober 2025 lud Denise Gruber zahlreiche Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen ein, die in Vorträgen ein umfassendes Bild von der gesundheitlichen Bedeutung der Musik in der Medizin vom Frühgeborenen bis zum Senioren aufzeigten. Diese Vorträge sind auf YouTube zu finden. Ein zweites Symposium ist in Vorbereitung.
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Der Podcast des Deutschen Musikrats mit Antje Valentin
Folge: Denise Gruber und das Kurorchester Bad Oeynhausen
Autorin: Antje Valentin (AV)
Gast: Denise Gruber (MP)
„…das wusste ich ja gar nicht, dass das so toll ist.“ Also, das hören wir so oft. Und man ist ja in so einer Kur, in einer Reha ganz anders innerlich aufgestellt. Und dieser Effekt, der kommt bei uns in der Kurmusik... Also, der ist ganz, ganz wunderbar.“
AV: Herzlich willkommen. Ich bin Antje Valentin, Generalsekretärin des Deutschen Musikrats. In meiner Podcast-Reihe spreche ich mit spannenden Menschen aus Musik und Politik. Heute ist [Denise Gruber] mein Gast. Denise Gruber ist Leiterin des Staatsbadorchesters Bad Oeynhausen, eines sogenannten Kurorchesters. Bad Oeynhausen liegt im Westfälischen und ist ein schon lange wirksames Staatsbad und dort habe ich Denise Gruber kennengelernt. Ich habe sie anlässlich der Tagung „Musik bleibt Medizin“ im Oktober 2025 getroffen, denn in der Tagung ging es um die gesundheitliche Wirkung von Musik. Ganz nebenbei hat diese Tagung mir einen ganz neuen Blick auf das Thema Kurorchester eröffnet. Und deswegen freue ich mich heute sehr über meinen Gast Denise Gruber in diesem Podcast. Liebe Frau Gruber, wenn Sie schauen, Sie haben diese Tagung als Pilot im letzten Jahr veranstaltet. Was ist danach passiert?
DG: Diese Tagung ist wirklich eingeschlagen, so wie ich mir das vorgestellt habe. Da habe ich mich so riesig gefreut. Also der Tag selber war ein wunderbares Zusammentreffen von so vielen tollen Menschen, Experten und Expertinnen und mit den Vorträgen, die sich da vernetzt haben. Und danach ging es weiter. Dieses Netzwerk ist jetzt irgendwie einfach da. Es wird zum Beispiel eine Studie geben, in der wir mit Kurkliniken und ihren Rehapatienten und -patientinnen und unserer Kurmusik so eine kleine Studie einleiten, wo man das wirklich wissenschaftlich evaluieren kann, wie das wirkt, diese Musik… Es geht vor allem um die Live-Musik, die wir da machen. Es sind auch in diesem Jahr ganz viele Vorträge angesagt. Jetzt ist dieser Podcast bei Ihnen. Dann wird es beim MIZ, dem Musikinformationszentrum, einen Beitrag geben im Herbst. Dann gibt es von einem anderen Kurort eine Gesundheitswoche im August. Für einen Kurort bietet sich natürlich diese Kurmusik auch an. Ich freue mich sehr, dass jetzt von außen ein Kurort selber sagt, dass die Musik in unserem Kurort zu dem Gesundheitskonzept gehört. Wir laden jemanden ein, der dazu etwas sagen kann.
AV: Super. Ich gratuliere zu dem großen Erfolg des Kongresses. Ich durfte ja da mitwirken und war ganz fasziniert, auch von den hochrangigen Rednern und den vielen tollen Impulsen, die es da gab.Aber bevor wir jetzt das vertiefen, wüsste ich gerne, Ihr Kurorchester, woraus besteht das? Wie können wir uns das vorstellen?
DG: Also genau, man denkt immer so Kurorchester, dann stellt sich so vor, ein Orchester, da sind sicher 20 Leute. Aber nein, wir sind nur sechs. Die Kurorchester heutzutage werden ja auch immer kleiner. Also früher, vor 100 Jahren, waren da tatsächlich noch 50 Leute drin. Mittlerweile sind wir sechs. Und man kann sich das am ehesten vorstellen, so als Salonmusik, weil man hat ein Klavier dabei, das natürlich auch Stimmen übernimmt, die vielleicht fehlen. Das sind Salonorchesterbearbeitungen. Wir haben das Schlagwerk. Also da ist nicht nur Schlagzeug und Triangel und Becken und so dabei. Da ist auch das Glockenspiel natürlich ein sehr bedeutender Teil und die Pauken auch. Also man kann auch von der Klassik bis in die Moderne einfach da Musik begleiten mit dem Schlagwerk. Wir haben einen Bläser, also die Oboe, die den Bläserklang ins Ensemble bringt und drei Streicher, also zwei Geigen und ein Cello.
AV: Und Sie selbst leiten von der Geige?
DG: Und ich bin die zweite Geige, genau. Also ich bin die erste Geige, aber wir machen diesen Unterschied nicht so zwischen eins und zwei, weil wir wechseln uns auch ab mit der ersten Stimme, weil das einfach toll ist, auch für das Publikum zu sehen. Wie klingt es, wenn jemand anders von der ersten Geige spielt? Dann hat jeder seine Lieblingsstücke und dann finde ich, dann passt das hervorragend und ich leite von der Geige aus.
AV: Super. Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, zu einem Kurorchester?
DG: Ich bin krank geworden und dann habe ich in der Reha, selber in der Reha ein Kurorchester, DAS Kurorchester eben kennengelernt. Aber eigentlich, weil ich, also zuvor, bevor dieses Burnout halt war, war ich freiberuflich zwölf Jahre lang im Süden Deutschlands und in der Schweiz tätig und da hatte ich auch in meiner Freiberuflichkeit schon mal in einem Kurorchester mitgespielt. Und das waren auch in Bad Krozingen ganz tolle Musiker, die ich aus dem Theater kannte, die im SWR spielten, die ich da einfach von der ganzen freiberuflichen Szene her kannte und wir haben da tolle Konzerte gemacht und tolle Musik und habe diesen Einblick in diese Chormusik bekommen. Und als ich dann eben selber Rehapatientin war, habe ich natürlich das Kurorchester gesucht und dann bin ich auf die zugegangen und haben wir uns kennengelernt. Dann haben wir, die waren damals noch in den Kliniken unterwegs und als sie dann in meiner Klinik waren, da habe ich dann mitgespielt und da hatten wir Freude dran und zufälligerweise ist der damalige Leiter in Rente gegangen im Jahr drauf. Und dann hatte mich die Cellistin angesprochen und habe gefragt, sag mal, willst du nicht nächstes Jahr die Leitung übernehmen? Und ich so, also es war ein, es ist vom Himmel gefallen, so diese Frage für mich. Und dann wurde ich vorgestellt, dem damaligen Chef des Staatsbades und dann hat es aber eben geheißen, ja eigentlich will man das verkleinern und wie das eben so ist, vor allem in der Kurmusikszene, aber natürlich auch an vielen anderen Orten: Wir wollten das so langsam auslaufen lassen. Da kommen nicht viele Leute hin in die Konzerte. Warum, warum ist das da überhaupt noch? Und dann gab es…habe ich mich aber selbstständig einfach beworben und dann hatten sie die Bewerbung und dann mussten wir natürlich irgendwie uns verhandeln zusammen und dann ging es sechs Monate und dann wurde entschieden, okay, wir versuchen das nochmal. Und zwei Jahre später dann kam, zwei oder drei Jahre später war dann schon klar, das Kurorchester wird bestehen bleiben, die alle Stellen werden weiter besetzt werden, wenn einer in Rente geht oder auftritt irgendwie und das ist natürlich ein ganz großer Erfolg schon gewesen in den ersten drei Jahren.
AV: Super, seit wann sind Sie dabei?
DG: Seit 2018.
AV: ‘18, also jetzt doch schon acht Jahre, fantastisch. Welche Rolle, denken Sie, haben Kurorchester heute im 21. Jahrhundert? Das ist ja nicht mehr das, was sie noch vor 100 Jahren waren.
DG: Ja, genau. Also die Kurorchestergeschichte ist auch ganz interessant. Also viel früher hatte das Kurorchester oder die Kurmusik oder die Musik an sich ja wirklich diesen gesundheitlichen, therapeutischen Einsatz bekommen. Also man hat schon gesagt, also in der Antike, die Lyra, die hat dieses Ausgleichende, die fördert die seelische Gesundheit. Deswegen sieht man auf diesen griechischen Tempeln oder so, neben dem Gesundheitskolabstab oder der Quelle von der Hygieia, das Gesundheitswasser, gibt es eben auch die Lyra, gibt es eben auch die Musik. Das ist ja auch einfach so für ein ganzheitliches, balneologisches Konzept, das ist ganz uralt, ja. Und um 1900 hat sich das eben wieder verloren und das wurde eher so morgens Fango und abends Tango. Und das war dann so ein bisschen, es musste einfach unterhaltsam sein und lustig. Und da ist diese, so ist in dieser Rolle die Kurmusik heute stecken geblieben. Also man macht ein bisschen, ja, der Stehgeiger geht ein bisschen rum und spielt Chardas und leichte Walzer und die Leute klatschen dazu und Punkt, ja.
AV: Aber so ist es nicht bei Ihnen. Was machen Sie anders? In welcher gesellschaftlichen Aufgabe sehen Sie Ihr Kurochester?
DG: Ja, es hat ein paar Funktionen. Tatsächlich haben wir da jetzt rausgearbeitet, also einerseits diese Verbindung von der Musik und der Medizin, also die steht ganz oben, weil wir sind im täglichen Kontakt mit unseren Rehapatientinnen und -patienten und die spiegeln uns wieder, da gibt es Reaktionen, das kann man gar nicht beschreiben. Also da kommen Geschichten und wie gut ihnen das getan hat. Und ja, die Menschen sind berührt durch unsere Musik, durch unsere Konzerte und können in der Reha wirklich auch nochmal ganz anders mit sich selber umgehen und sich um die eigene Gesundheit oder wieder Gesundung kümmern. Das erleben wir, haben wir von Anfang an ganz enorm gespiegelt bekommen und dann gab es auch bald unser erstes Gästebuch, damit man das auch eben reinschreiben kann und uns mitteilen kann und wir eben im Nachhinein da auch wieder drauf zurückgreifen können und zeigen können, schaut mal, bei uns steht so viel in Orten, was für ein wichtiger Teil die Kurmusik war. Bevor man so etwas machen kann, muss man natürlich die Qualität von einem Kurorchester auf ein Niveau bringen, wo die Leute wirklich auch kommen, also wo die Leute wieder Lust haben, in das Konzert zu gehen. Also man muss eben diese ein bisschen verstaubte Kurmusik, muss man schon auf einen aktuellen Stand bringen.
[Musik]
AV: Was für ein Saal ist das?
DG: Das ist die Wandelhalle, wir spielen in der Wandelhalle. Das ist ja auch eben dann schon so wieder so ein sehr typisches Gebäude für so einen Badeort, auch die ganze Ambiente passt einfach dazu. Und das ist sowohl, nicht nur für die Rehapatientinnen und -patienten, die natürlich mehrfach noch am Wochenende kommen, aber eben auch für die Bürger der Stadt ein wichtiger Meeting-Point geworden. Also es bilden sich Freundschaften, es bilden sich kleine Gruppen oder auch größere Gruppen, die treffen sich dann da und machen auch außerhalb der Kurkonzerte weitere Aktionen zusammen. Ist also ein sozialer Punkt zusätzlich eben zu diesem medizinischen, dieser soziale Punkt für den Kurort, für die Bürger, die da wohnen, die da einfach eine Anlaufstelle haben, einen ganz niederschwelligen Zugang zur Kultur, zur Kulturellen Bildung. Wir bieten dann vormittags eben Schulprojekte an, wo Schüler bei uns mitwirken können oder auf der Bühne stehen können. Also es ist im Kurkonzert selber dann ein ganz niederschwelliger Zugang. Es ist tatsächlich unter der Woche auch so ein bisschen ein Kommen und Gehen. Aber so soll es auch sein, weil es soll tatsächlich jeder die Möglichkeit haben, einmal auszuprobieren, sich reinzuhören. Würde mir das gefallen, setze ich mich hin oder gehe ich wieder raus?
AV: Ungezwungene Atmosphäre, die natürlich dazu beiträgt, ganz entspannt dabei zu sein. Man ist nicht gefesselt, jetzt im Konzertsaal sitzen zu bleiben. Hätten Sie ein Erlebnis, ein Beispiel, etwas Besonderes, was passiert ist bei Ihren Konzerten oder musikalischen Einsätzen?
DG: Man spielt zum Beispiel eine Arie, was weiß ich, Nessun Dorma. Wir haben ja keine Sänger und man fängt an zu spielen und die Leute sind ganz ergriffen. Und es ist wunderschön, plötzlich erhebt sich aus dem Saal, aus dem Irgendwo zu Hinters, eine Tenorstimme, wo man nie…gibt wieder eine…wo kommt das jetzt her?Und das schwillt an und wird immer lauter und ist wie in einem großen Konzertsaal. Also da sind ja manchmal Menschen in diesen Sälen…und es ist eben die Freiheit da, dann plötzlich auch da mitzumachen. Es ist dann so ansteckend und dann gibt es ein unglaubliches…dann drehen sich alle um und es wird dann nachher, man kriegt einen Riesenapplaus, weil es eine unglaubliche Performance war. So einfach spontan. Oder im Gegenteil gibt es auch das andere. Ich mache ja immer…ich führe gerne durch das Programm. Also ich nehme das Publikum mit und ich rezitiere Gedichte sehr gerne, weil ich finde, das passt sehr gut zur Musik. Oder ich erzähle über die Komponisten. Und dann war an einem Morgen…an einem Sonntagmorgen ist unsere klassische Matinée im Raum. Da gibt es reine klassische Musik, da bin ich auch streng, da will ich kein Handy hören, da will ich nicht die Leute raus und rein. Also da ist wirklich ein bisschen ein kleiner Ort für sich. Mittlerweile ist das wirklich auch sehr gut besucht. Und ich rezitiere also mein Gedicht und es ist neustens still in dem Saal. Und ich weiß nicht mehr, vielleicht Hasridke, ich weiß nicht mehr. Plötzlich hört man so [imitiert Quietschgeräusche]. Und ich denke, ich gucke von diesem Pult auf und ich sehe hinten die Putzfrau. Das Putzpersonal läuft mit dem Putzfaden durch und einfach einem Turm von Klorollen oben drauf und geht einfach unbeirrt durch diese Wandelhalle. Und ich finde das herrlich. Also ich muss dann wirklich einfach lachen. Also sowas, die Frau hat sich dann auch hingesetzt und hat dann weiter zugehört. Also das ist doch herrlich. Also das ist doch einfach ganz wunderbar.
AV: Das ist ganz großartig. Sicherlich fragen sich viele, die jetzt zuhören, wie das finanziert wird, wer bezahlt Sie. Sie sind angestellt, alle sagen, hatten Sie gesagt. Unbefristet angestellt.
DG: Ja, mittlerweile ist es so, genau. In unserem Fall, jedes Kurorchester ist anders organisiert. Wir sind Teil vom Staatsbad. Das Staatsbad in Bad Oeynhausen ist mittlerweile ein Teil der Stadt. Wir werden quasi von der Stadt finanziert. Es läuft aber über den Staatsbadeigenbetrieb.
AV: Sind Sie denn aber auch mit der Kulturabteilung der Stadt verbunden oder der Musikschule oder dem Kulturleben der Stadt?
DG: Ja, das ist ein dritter Punkt, wo so ein Kurorchester einfach unglaublich viel leisten kann oder was die Aufgabe von einem Kurorchester ist. Wo sind die Kooperationsmöglichkeiten für das Kurorchester in der Stadt kulturell? Neben der Schule sind das die anderen Kulturschaffenden drumherum. Natürlich auch die Angebote, sei das Angebote, die die Stadt bringt, ob man an einem Seniorennachmittag dann auch die Musik bringt oder ob die Senioren auch mal zu uns kommen. Oder es gibt zum Beispiel Kulturdetektive, die von der Stadt organisiert werden. Das sind Kinder, die dann so die Kulturstätten in der Stadt besuchen. Die kommen dann auch zu uns. Und es gibt Ballettschulen, es gibt die Musikschule, es gibt das Märchenmuseum, jetzt bei uns eben. Und mit all denen, ein Theater gibt es auch. Also kann man wirklich wunderbare Kooperationen machen und erreicht dadurch eben auch noch mal ein anderes Publikum. Und auch für die, sei es für die Märchenerzähler und Erzählerin oder die Märchenleserin oder auch die Ballettschüler, egal für wen, wenn die Kooperationen mit uns machen können und diese Livemusik haben. Ein Livemusikerlebnis ist einfach immer noch mal eine ganz andere Geschichte, als wenn man dann vom Band...Irgendwelche tollen Aufnahmen - sind auch gut - aber eine Livemusik ist immer noch mal was anderes, genau. Und da sind wir jeden Monat in irgendeiner Kooperation verbunden.
AV: Also wirklich auch eingewoben in das Kulturleben der Stadt. Weil man denkt ja oft, dass Sie dann eigentlich nur für die Gäste von außerhalb spielen. Aber das ist noch mal eine ganz andere Rolle, die mir auch völlig unbekannt war.
[Musik]
AV: Sie sprachen, als wir uns auf das Gespräch vorbereiteten, von einer Studie, die jetzt geplant wird mit Ihnen. Was ist da das Vorhaben?
DG: Ja, also das war so mein Ziel, das ist so mein hehres Ziel in Zukunft, dass man wirklich als Reha-Patient und -patientin in einen Badeort kommt und von seiner Klinik aus dann um 14.30 Uhr, das ist unsere Konzertzeit zum Beispiel, dass man dann das Kurkonzert besuchen kann. Diese Möglichkeit ist es, Anwendungen zu nutzen, dass man als Patient auch wählen kann. Manchmal ist ja etwas, was einem mehr zusagt und was einem weniger zusagt. Also einer möchte am liebsten Yoga machen oder Meditation und der andere möchte gerne das Kurkonzert anhören. Es ist ja jetzt auch nicht unbedingt gesagt, dass das jetzt für 100 Prozent alle so sein muss. So, da möchte ich gerne hin, dass man auch die Konzerte Montag, Dienstag, Mittwoch, bei uns sind sie Montag, Dienstag, Mittwoch, also unter der Woche, dass die eben wirklich auch von Reha-Patientinnen mehr besucht werden können als Anwendung. Und da haben wir jetzt tatsächlich zwei Kliniken in Bad Oeynhausen, die nach dieser Tagung, die wir letztes Jahr hatten, Interesse haben, diese Studie zu machen.Und da habe ich eine ganz eigene Meinung auch dazu. Es ist ja nämlich so, dass ganz oft in Ansätzen von Studien, von wissenschaftlichen Studien, geht es auch darum, was für eine Art von Musik wirkt wie oder welche Lieblingsmusik, was kann man am besten mit Lieblingsmusik machen? Und der Ansatz bei uns ist nicht der... Also, mein Ansatz ist, die Leute kommen und wissen nicht, was wir spielen. Also, ich mache schon länger, schon Jahre, keine Programme mehr, wo man schauen kann, heute ist Operette, ich will das hören. Und heute ist Musical, das interessiert mich nicht. Heute spielen die Klassik, da gehen wir nicht hin. Ich möchte nicht, ich möchte, dass die Menschen überrascht werden. Und das ist nämlich auch ein ganz großes Feedback, was wir immer wieder kriegen, wo Menschen kommen, gerade die Reha-Gäste, die kommen, so 30-, 40-Jährige zum Beispiel, die sagen, sie würden nie in ein klassisches Konzert gehen. Und dann kommen sie zu uns, und wir sind zum Beispiel nur ein Klaviertrio besetzt, spielen Beethoven- und Mozart-Trios und Clara Schumann und bieten einfach ein total klassisches Programm, ein Abendprogramm wie man sonst sich selber halt raussuchen würde, wo man hingehen würde, wenn man schon Interesse hat. Und die Menschen gehen nicht raus in diesen Konzerten. Die bleiben von Anfang bis Ende dabei und es ist immer ein ganz hervorragendes Feedback.„Uh, das wusste ich ja gar nicht, dass das so toll ist.“ Also, das hören wir so oft. Und diesen Effekt... Ich glaube, der ist ganz wichtig. Und das sehe ich bei diesen Reha-Patientinnen auch ganz besonders. Man ist ja in so einer Kur, in einer Reha ganz anders innerlich aufgestellt. Und dieser Effekt, der kommt bei uns in der Kurmusik... Also, der ist ganz, ganz wunderbar.
AV: Weil sie ganz unvorbereitet, aber dadurch auch ganz offen da reingehen.
DG: Genau.
AV: Welche Art von Musik spielen Sie? Sie sagten Operette, Sie sagten auch Klaviertrio, ganz klassisches Konzert. Spielen Sie auch Weltmusikalisches oder aus Jazz und Pop Dinge?
DG: Ja, also Jazz, da wagen wir uns natürlich nicht rran, weil wir sind keine Jazzmusiker. Aber trotzdem gibt es natürlich mal Suite-Musik, Band mit so Bandcharakter. Und wir spielen Tanzmusik sehr gerne, wir haben mittlerweile auch mit Tanzschulen eben Kontakt. Dann gibt es mal ein Tanzkonzert im Jahr vielleicht, wo man auch live dazu tanzen kann. Ja, wir machen auch Walzer natürlich zum Tanzen auch. Da gibt es auch…das machen wir im Frühjahr dann immer, Neujahrskonzerte im Wiener Stil. Da tanzen dann alle mit, das ist ein ganz gediegenes Chorkonzert. Da wird natürlich…die ganze Salonmusik-Sparte ist da natürlich dabei, von den ganzen Strauss-Brüdern oder Tango oder Tango Argentino haben wir tatsächlich auch ein Tanzprogramm. Da spielt dann unsere Schlagzeugerin mit Cajon die Rhythmen und wir haben…der Oboist spielt auch auf dem Saxophon. Also…da spielen wir auch moderne Popmusik. Wir haben auch schon „Show Must Go On“ gespielt. Und es gibt ganz viele Möglichkeiten…mit E-Geigen machen wir Programme und…ich finde, man hat so einen engen Kontakt mit dem Publikum. Also man ist, ich war, bevor ich angefangen habe, als Kurmusikerin war ich ja ganz einfach Konzertmusikerin und war zum Beispiel mit dem Kammerorchester Basel auf der ganzen Welt, auf den großen Bühnen unterwegs. Und man hat natürlich den Kontakt zum Publikum. Das Publikum applaudiert, man sieht die strahlenden Gesichter, man sieht die bewegten Gesichter, man sieht auch mal die Tränen, die kommen, und man empfindet das schon, aber es ist so ein bisschen, also jetzt gar nicht negativ ist das gemeint, eine Selbstverständlichkeit, also man hinterfragt das gar nicht mehr. Man überlegt sich gar nicht, man sieht gar nicht, was das wirklich ausmacht für das Publikum. Also wie man die ganz tief berührt, diese Zuschauer und Zuschauerinnen.
AV: Und Sie haben keine Verpflichtung, Einnahmen zu machen, sondern machen alles grundsätzlich kostenlos.
DG: Ja, ich möchte auch, dass das weiter bleibt. Da ist auch jedes Kurorchester anders. Also das wird ja... Ich habe zum Beispiel, ich war in Kurorten, wenn ich meine Kurkarte dabei habe, dann habe ich den Zutritt natürlich kostenfrei. Und wenn ich sie nicht dabei habe, dann zahle ich 3,50 Euro und so. Und wir haben jetzt nicht das mit der Kurkarte vorzeigen, weil ich möchte es auch einfach wirklich niederschwellig halten und niemand am Eingang sitzen haben. Also ich möchte wirklich... Dieser niederschwellige Zugang ist mir ganz, ganz wichtig.
AV: Verstehe. Was glauben Sie, in zehn Jahren, wo stehen Kurorchester? Sie kennen ja auch noch andere. Wenn Sie jetzt mal so Ihre Vision, Ihrer Vision freien Lauf lassen.
DG: Also meine Vision, genau. Ja, also da wäre natürlich…also ich stelle mir eben vor, dass diese Kurorchester wieder zu neuem Leben, die es noch gibt, also auf jeden Fall nicht abgebaut werden, sondern zu neuem Leben erwachen. Ich habe tatsächlich jetzt schon einen Kontakt gehabt, wo ein Kurort Interesse hat, dass ich da mal hingehe und mir das mal anschaue und was man da machen kann. Da muss man jeden Kurort ganz separat anschauen. Weil jeder ist anders aufgestellt.
AV: Genau, um noch mal auf die Vision zu kommen. Also in zehn Jahren gibt es mehr Kurorchester als heute.
DG: Ja, und die so genutzt werden. Also die als Anwendung wirklich genutzt werden. Und wo man wirklich, wo Patienten, die für die Rehabilitation, ist es, ich glaube, ja auch mittlerweile so, dass man selber wählen darf, wo man gerne seine Reha machen möchte. Das ist, glaube ich, relativ neu jetzt. Und dass die Menschen sagen, die Interesse daran haben, halt sagen können, ah, dort, dort, dort gibt es die Kurmusik, die wir als Anwendung haben können. Das ist für uns ein interessanter Ort für eine Reha…um eine Reha zu machen. Und wo die Kurmusik halt wirklich angewendet wird. Also nicht als Freizeitbeschäftigung abends, sondern wirklich mit tollen Programmen tagsüber, wo das wirklich medizinisch angewandt werden kann und die Kurmusiker auch feste Verträge haben…
AV: Ich fasse zusammen: In zehn Jahren haben wir mehr Chororchester als heute, mit ganz neuen Aufgaben und anerkannt als Anwendungen im gesundheitlichen Bereich, gerade für die Rehabilitation. Anstoß dafür, liebe Denise Gruber, haben Sie gegeben. Und dafür danke ich Ihnen ganz herzlich. Und es gibt noch sehr, sehr viel mehr über Denise Gruber und dieses wunderbare Symposium „Musik bleibt Medizin“ zu erfahren. Das können Sie alles in den Links finden, die Sie im Begleittext dieses Podcasts finden. Ganz herzlichen Dank, liebe Denise Gruber.
DG: Vielen herzlichen Dank. Dankeschön, Frau Valentin.
Impressum:
DEUTSCHER MUSIKRAT e.V.
Generalsekretariat
Schumannstraße 17
10117 Berlin
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