Folge 29: Jazz studieren in Deutschland I - Aufnahmeprüfung
Shownotes
Gespräch mit Julia Hülsmann und Theresia Philipp I Aufnahmeprüfungen / II Jazzstudium Zwei neue Podcasts widmen sich intensiv dem Thema Jazz in Deutschland. Moderatorin Sophie Emilia Beha spricht mit zwei herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Jazzszene: Mit der Pianistin und Komponistin Julia Hülsmann und der Saxophonistin und Leiterin des Bundesjazzorchesters (Bujazzo) Theresia Philipp. Im Mittelpunkt der Gespräche stehen die Themen Aufnahmeprüfungen und Jazzstudium in Deutschland. Was erwartet junge Musikerinnen und Musiker, die Jazz studieren möchten? Wie laufen Aufnahmeprüfungen ab, worauf kommt es dabei an – und wie erleben erfahrene Musikerinnen und Ensembleleiterinnen diese wichtigen Schritte auf dem Weg in die musikalische Profession? Mit ihrer großen Erfahrung und Offenheit geben Julia Hülsmann und Theresia Philipp Einblicke in ihre persönlichen Werdegänge und berichten von Chancen, Herausforderungen und besonderen Momenten während Ausbildung und Studium. Zwei Gespräche, die Mut machen, informieren und neugierig auf den künstlerischen Weg im Jazz machen.
Quellen: Deutsches Musikinformationszentrum: Musical Life in Germany Deutsche Jazzunion: Jazzstudie 2022, [https://deutsche-jazzunion.de/wp-content/uploads/2024/02/Jazzstudie_2022.pdf] Berliner Festspiele: (Un-)Learning Jazz, [https://www.berlinerfestspiele.de/jazzfest-berlin/stories/2023/story-un-learning-jazz] Jazzhausschule: [https://www.jazzhausschule.de/musikschule/vorstudium-jazz] Jazzinstitut Darmstadt: Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung Band 15: Jazz @ 100 Jazzinstitut Darmstadt: Deutscher Jazz — German Jazz Wolfram Knauer: Play it yourself, man!
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Transkript Folge 29 Jazzstudieren in Deutschland
Gemeinsam für Musik: Der Podcast des Deutschen Musikrates.
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Podcast-Folge. Heute geht es um das Thema Jazz studieren in Deutschland. Und dafür habe ich mich mit 2 Akteurinnen der Jazzszene getroffen:
Julia Hülsmann (JH) und Theresia Philipp (TP) und mich mit ihnen über ihre Erfahrungen und Sichtweisen unterhalten. Mein Name ist Sophie Emilie Beha (SEB). Schön, dass ihr dabei seid.
JH: Ich bin Julia Hülsmann, ich bin Pianistin und Komponistin in Berlin.
SEB: Und da ist Julia Hülsmann für ihr Studium hingezogen.
JH: Damals hieß es noch an der HDK, Hochschule der Künste, inzwischen heißt es UDK, Universität der Künste Berlin, und da lehre ich auch im Jazz-Popularmusikbereich der Lehramtsstudiengänge.
TP: Ich bin Theresia Philipp. Ich bin Saxophonistin und Komponistin und Teil des Leitungsteams des Bundesjazzorchesters.
SEB: Theresia Phillip lebt in Köln. Da hat sie auch studiert:
TP: Ich hab' meinen Bachelor in Köln studiert und dann noch den Master in Komposition in Mannheim studiert und lehre in der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Ich hab' auch 3 Semester an der Musikhochschule in Mainz unterrichtet und ein Semester am JIB (Anm.d. Red.: Jazz Institut Berlin) in Berlin.
SEB: Deutschland gehört zu den zentralen Ausbildungsstandorten für Jazz in Europa. Viele internationale Studierende kommen nach Deutschland, denn hier gibt es viele staatliche Musikhochschulen, die oft keine Studiengebühren verlangen. Und die Jazzszene ist stark institutionalisiert. 1927 gab es in Deutschland den weltweit ersten Studiengang für Jazz. Und zwar am Dr. Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main. Heute gibt es an fast jeder deutschen Musikhochschule einen Jazzstudiengang. Bevor man also anfängt, muss man erst entscheiden, wo es hingehen soll:
JH: Ich komme aus Bonn. Ich wollte von da weg. Ich wollte nicht in Köln studieren. Hm, so ist das die Realität. Und dann hab' ich mir Berlin ausgesucht und hab dann glücklicherweise da auch die Aufnahmeprüfung geschafft. Und das war also für mich persönlich, für meine Biografie, glaube ich, ein ganz guter Move, weil ich echt in einfach in eine ganz neue Umgebung gekommen bin und das hat mir sehr gut getan.
SEB: Berlin ist der größte Standort für Jazzstudiengänge. Dort gibt es das Jazz Institut Berlin. Das ist ein gemeinsam von der Universität der Künste und der Hochschule für Musik Hans Eisler im Jahr 2005 gegründetes Institut.
JH: Ich glaube, was auch für mich persönlich passend war, war, dass die Ausrichtung an der Jazzabteilung hier in Berlin so ein bisschen offener war von der Gestaltung. Also, ich fand das… das hat mich schon sehr angesprochen. Es war sehr früh war die Frage nach meiner eigenen musikalischen Identität und das mochte ich. Deswegen war auch die Wahl der Hochschule hier in Berlin für mich gut.
SEB: Die Eigenständigkeit, die Julia Hülsmann in Berlin schätzt, gefällt auch Theresia Philipp am Studium in Köln.
TP: Also ich komme aus der Nähe von Dresden und wollte auch eigentlich raus aus Sachsen. Und dann bin ich nach Köln gezogen 2010 und seitdem leb ich auch in Köln. Und hab auch als irgendwie total gut für mich empfunden, dass das Studium sehr offen gestaltet war und man eigentlich direkt so ins Berufsleben geschubst wurde, viele Freiheiten hatte auch. Und schon so ein bisschen „OK, kümmer dich um deine eigenen Projekte - bring die an den Start.“ „Was willst du eigentlich wirklich?“ Ich hab das als viel weniger schulisch empfunden als das, was ich kannte vorher, und das fand ich super.
SEB: Entscheidend ist, dass die Hochschule zu den eigenen Charakterstärken, Vorlieben und Wünschen passt, sagt Theresia Philipp. Und Julia Hülsmann ergänzt:
JH: Es ist gar nicht so einfach zu sagen, welche Hochschule steht für was. Ich glaube, es ist sehr unterschiedlich, wie die Ausrichtung ist, und das hängt immer an den einzelnen Menschen, die da unterrichten. Ich würde auch immer empfehlen, wenn man Jazz studieren will, sich immer umzuschauen, wer unterrichtet wo.
SEB: Neben den größten Standorten Berlin und Köln gibt es auch viele mittelgroße Städte in Deutschland mit Jazzstudiengängen. Zum Beispiel Hamburg, Nürnberg, Essen, Freiburg, Leipzig, Mannheim oder Weimar. Kleinere Jazzabteilungen gibt es in Mainz, Bremen, Stuttgart, Saarbrücken und Dresden.
JH: Und dann ist natürlich auch nicht vollkommen unwichtig. Wie ist die Stadt? Ist das 'n Umfeld, in dem ich sein möchte? Ist es vielleicht gerade gut, wenn's 'ne kleinere Stadt ist? Ist es für mich persönlich besser, wenn's 'ne größere Stadt ist? Also, was ist das, was man eigentlich für sich und für sein Studium gerne hätte?
SEB: Trotzdem sollte man sich bei der Ortswahl nicht zu viel Druck machen. Ob der Ort und die Hochschule zu einem passen oder nicht, lässt sich schwer planen, sagt Theresia Philipp. Sie selbst hat in Köln und Mannheim studiert.
TP: Sich zu entscheiden, wo man studiert, das kann ja auch mega viel Druck machen, weil das 'ne wichtige Lebensentscheidung ist und so weiter. Und man kann das nicht alles vorher mit einplanen. Es kann ja auch sein, irgendwas - was weiß ich - passiert und man muss umziehen oder keine Ahnung, dann schafft man es in 'ner anderen Stadt, Kollektive zu gründen oder sich mit Leuten zu connecten und da entsteht da was ganz Tolles und so. Das kann man alles wirklich überhaupt nicht vorhersagen.
SEB: Was dagegen beinahe sicher zu sein scheint: Wer Jazzmusiker:in werden will, kommt an einem Studium fast nicht vorbei. Die Deutsche Jazzunion veröffentlichte nämlich in seiner Jazz-Studie 2022, dass 89 Prozent der befragten hauptberuflichen Musiker:innen ein musikalisches Studium abgeschlossen hatten. Die erste Hürde aber, um überhaupt studieren zu können, ist die Aufnahmeprüfung. Und die gilt an vielen Hochschulen als extrem anspruchsvoll.
TP: Also es ist auf jeden Fall ein unangenehmes Setting. Ich glaub, das kann man nicht „schönreden“. Man kommt da als sehr junger Mensch in einen Raum und spielt vor einer Prüfungskommission, die unterschiedlich groß ist. Also ich vermute zwischen 3 und 6-7 Personen, das kommt, glaub ich, sehr auf die Hochschule an, (man) spielt vor, man spielt mit 'ner fremden Band, die man überhaupt noch nicht kennt. Also, ne, das ist schon 'ne enorme Drucksituation.
SEB: Bei der Aufnahmeprüfung entscheidet anders als in vielen anderen Studiengängen vor allem die musikalische Praxis. Bewerberinnen und Bewerber müssen vorspielen oder vorsingen und zeigen, dass sie ihr Instrument wirklich technisch gut beherrschen und musikalisch gestalten können. Typischerweise gehört zur Aufnahmeprüfung die Interpretation mehrerer Stücke aus unterschiedlichen Stilrichtungen des Jazz - zum Beispiel Swing, Bebop oder modernere Jazzformen - und oft wird auch verlangt, über ein Jazz-Standard-Formschema zu improvisieren. Hinzu kommen häufig Tests in Gehörbildung, Rhythmik und Musiktheorie. Dabei geht es zum Beispiel darum, Akkorde zu erkennen, Melodien nachzusingen oder Harmoniefolgen zu analysieren. Viele Hochschulen erwarten außerdem grundlegende Kenntnisse der Jazztradition, also etwa wichtige Komponisten, Aufnahmen oder stilistische Entwicklungen. Der Wettbewerb um Studienplätze kann hoch sein. Auf einen Platz kommen teilweise viele Bewerberinnen und Bewerber:
TP: Das gehört irgendwie leider auch dazu, da irgendwie in dieses System reinzukommen, sich dem zu stellen. Ich hab damals an 3 Hochschulen vorgespielt. Das ist, glaube ich, verhältnismäßig wenig von dem, was ich mitkriege. Viele also machen wirklich so 'ne ganze Aufnahmeprüfungstour durch Deutschland.
SEB: Theresia Philipp erinnert sich selbst noch ganz genau, wie sie 2010 für ihre Aufnahmeprüfung an die Kölner Hochschule für Musik und Tanz gekommen ist:
TP: Für mich 'ne wahnsinnige Stresssituation. Ich war da komplett im Tunnel und ich erinner mich noch in Köln, da bin ich irgendwie im Juni in die diesen Raum reingekommen, da waren irgendwie gefühlt 45 Grad und ich war irgendwie die Letzte, alle waren schon so am so „O. K., jetzt die noch.“
SEB: Für fast die Hälfte der Jazzmusiker:innen stellt die Aufnahmeprüfung an der Hochschule eine große Hürde dar. Das ergab die Jazzstudie von der Deutschen Jazzunion im Jahr 2022. Und fast 60 Prozent der Musiker:innen hatten nach eigener Einschätzung keine Alternative zum Musikstudium. Immerhin: Die meisten können an ihrer favoritisierten Hochschule studieren. So wie Julia Hülsmann:.
JH: Meine Aufnahmeprüfung war (19)91, also das ist 'n bisschen her. Und ich weiß gar nicht, ob man's noch vergleichen kann. Also, ich hab tatsächlich damals… ich hab nur die eine Aufnahmeprüfung gemacht. Ich wollte dahin. Ich hab alles auf eine Karte gesetzt. Das war überhaupt das…jetzt so….Glück gehabt und hab's halt geschafft.
SEB: In den letzten Jahren haben einige Hochschulen den Prozess der Aufnahmeprüfung modernisiert. Mit Videoeinsendungen, mehreren Runden und einem gestaffelten Auswahlverfahren. Julia Hülsmann hat das kürzlich sogar selbst miterlebt und zwar bei ihrem Sohn:
JH: Also mein Sohn studiert ja auch Jazz und da hab ich das noch mal so begleiten dürfen, so also mitbekommen, wie das halt so ist, für ihn auch ist. Also der hatte ja schon wirklich auch Stress gehabt. Das war für ihn auch nicht einfach. Und auch dieses, wenn man was einschickt und man wird womöglich nicht eingeladen oder so. Also dieser Stress, der ist auch nicht auch nicht ohne.
SEB: In manchen Städten wie Berlin oder Köln gibt es außerdem eine Studienvorbereitung, die Interessierte sowohl auf das Jazzstudium als auch auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet. In Köln hat sich mittlerweile seit über 25 Jahren das Vorstudium Jazz an der offenen Jazzhouse-Schule etabliert. Die Teilnehmer:innen bekommen dort eine umfassende Beratung für den passenden Studiengang und die Aufnahmeprüfung und eine zielgerichtete intensive Basisausbildung im theoretischen und praktischen Umgang mit Jazz, Improvisation und Popularmusik.
JH: Ich würde raten, wenn man das wirklich machen will, dann sollte man auf keinen Fall zu schnell aufgeben. Wenn man dafür brennt, wenn man das wirklich möchte, dann muss man da dran bleiben. Da muss man ein bisschen verstehen, warum hat das jetzt nicht geklappt. Manchmal liegt es nur daran, dass in dem Fach, für das man sich beworben hat, gerade nur ein Platz frei war oder so. Dass dann in dem Jahr gerade eben fünf waren, die haben schon woanders angefangen zu studieren, die sind einfach weiter. Das ist dann so. Das heißt aber nicht, dass man selber schlecht ist. Das heißt einfach nur, das hat in der Situation nicht gepasst. Das ist alles.
SEB: Man braucht also 3 Dinge: den Mut, sich den schwierigen Anforderungen der Prüfungskommission zu stellen, den Biss, das gegebenenfalls sehr oft zu tun, und ein dickes Fell, damit man mögliche Absagen nicht zu persönlich nimmt. Und dann beginnt das Studium. Und da ist es besonders wichtig, sagt Theresia Philipp:
TP: Dass man wirklich mit offenen Scheuklappen in 'ne Stadt geht und sich auf die Situation, auf die Schule und auf die Leute einlässt. Ich mein, das ist sowieso 'ne Eigenschaft, die wir alle brauchen, wenn wir diesen Beruf ausüben wollen und diese Art von Musik machen wollen, beruflich, dass man offen ist und sich einlässt auf Situationen und Menschen und Begegnungen und so. Und das ist gerade am Anfang eines Studiums mega wichtig.
SEB: Und dazu dann mehr in der nächsten Folge. Ich bin Sophie Emilie Beha und bedanke mich fürs Zuhören und fürs Dabeisein. Wer will, kann uns gerne ein Feedback geben, zum Beispiel auf den Social-Media-Kanälen des Deutschen Musikrats oder direkt den Podcast abonnieren. Bis zum nächsten Mal.
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