Folge 28: Aurel Dawidiuk
Shownotes
In der aktuellen Podcast Folge spricht Aurel Dawidiuk – mehrfacher Bundespreisträger bei Jugend musiziert, Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs, Stipendiat des Forum Dirigieren und seit 2024 Associate Conductor beim Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam – mit Anna Novak über seinen außergewöhnlichen musikalischen Werdegang und seine vielseitigen Leidenschaften für Klavier, Orgel und Dirigat. Dabei erzählt er, wie frühe musikalische Erfahrungen und Förderprogramme ihn geprägt haben und welchen Stellenwert sein Engagement beim Bundesjugendorchester (BJO) in diesem Sommer für ihn hat. Außerdem gibt Aurel Einblicke in kommende künstlerische Herausforderungen und warum gezielte Förderung junger Talente für die gesamte Musikwelt so entscheidend ist.
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Transkript Folge 28
Gemeinsam für Musik. Der Podcast des Deutschen Musikrats.
AN: Hallo und herzlich willkommen zum Podcast des Deutschen Musikrats. Ich bin Anna Novak (AN), ich bin Moderatorin und Musikjournalistin und für diese Folge durfte ich mich mit einem der sicher aufregendsten jungen Musiker treffen, die es in Deutschland gerade zu entdecken gibt. Aurel Dawidiuk (AD)- ist 25 Jahre alt, er ist Dirigent und mit seiner Art Musik zu machen, bezaubert er gerade die Menschen im Publikum, genauso wie die Menschen, die im Orchester sitzen.
Im Sommer ist er als Dirigent mit dem Bundesjugendorchester zu erleben - in sieben Konzerten in den Niederlanden, in Deutschland und in Georgien. Und damit erfüllt sich für Aurel, das hat er mir verraten, ein riesengroßer Traum. Ihr könnt ihn in der Folge jetzt ein bisschen näher kennenlernen, auch etwas über sein Musikverständnis erfahren und er erzählt uns, warum er so süchtig war, warum er jeden Sommer wieder bei Jugend musiziert mitgemacht hat und was das für seine wirklich bemerkenswerte Karriere bedeutet hat. Springt mit mir rein in die Welt von Aurel Dawidiuk, in unser Gespräch, für das wir uns in Hamburg getroffen haben.
AN: Ja, jetzt sitze ich hier mit Aurel Dawidiuk und wir sitzen im Dirigentenzimmer der Laeiszhalle in Hamburg, ein wahnsinnig alt-ehrwürdiger Konzertsaal, man muss es so sagen, auch wenn dieses Dirigentenzimmer ein bisschen aufpoliert wurde. Hier steht eine neue Couch drin seit dieser Saison. Aurel, atme mal tief ein. Spürst du das, den Geist von den vielen großen Dirigenten, die hier schon gesessen haben?
AD: Ich kenne natürlich fast alle Videos, die es auf YouTube so gibt, vom NDR-Elbphilharmonie Orchester, wo die noch nicht so hießen, aber hier ja das Haus und Hof-Orchester waren... mit Günter Wand, mit Dohnanyi. Und jetzt bin ich ja gerade hier mit den Symphonikern Hamburg und nach der Generalprobe und ganz froh, dass… dass der Puls wieder runtergehen kann nach der vierten Tschaikowski und irgendwie etwas sprechen könnt.
AN: Was sind so die Gedanken, die du hast nach so einer Orchesterprobe, nachdem ihr hier wirklich Stunden intensiv miteinander gearbeitet habt. Wie geht es dir dann da oben?
AD: Also, ich bin ganz ehrlich: direkt nach der Probe ist erstmal keine Musik angesagt - weder in den Gedanken noch irgendwie, dass ich noch die Noten aufschlage oder mir Musik anhöre. Erstmal raus. Dann ist man super hungrig – Mittagessen. Und dann am Abend reflektiere ich nochmal und überlege, wie war das denn eigentlich? Woran hat man gearbeitet? Was war gut? Was müsste man nochmal verbessern und wo müsste man sich selbst auch verbessern? Es geht ja nicht nur darum, als Dirigent die Orchestermusiker voranzubringen, sondern auch man selbst hat da viele, viele Möglichkeiten - vor allem als junger Dirigent - noch mal zu gucken, gestisch, verbal, wie man da das Maximum, das Optimum rausholen kann.
AN: Nun, wo du gerade „gestisch“ sagst, das ist eine Frage, die mich schon immer wahnsinnig interessiert hat und dich frage ich sie jetzt einfach mal: Übst du manchmal vorm Spiegel?
AD: Nein, gar nicht. Also im Dirigierunterricht bei mir war das so, dass jede Orchesterstunde aufgezeichnet worden ist mit Video und dann guckt man sich das an. Und das ist brutal, ganz unangenehm. Also, wir kennen das ja, wenn wir dann Aufnahmen von uns sprechend hören und wieder anhören, wie das ist und dann noch zu sehen, was man macht und mit Musik und es kommen so viele Faktoren hinzu und denken, oh Gott, was, was ist da eigentlich los? Aber so wird man besser.
AN: Ja, ich wollt es gerade sagen. Das heißt, das hilft schon, sich so anzugucken und sich dem auch so auszusetzen?
AD: Ja, weil mit der Zeit lernt man irgendwie dieses innere Auge in Echtzeit mitlaufen zu haben und zu überlegen: Aha, für mich fühlt es sich so an, ich hab das in der Kamera gesehen, wie das ist, dann müsste ich wahrscheinlich jetzt vielleicht das machen, damit jenes Resultat rauskommt.
AN:. Lass uns mal so ein bisschen in deinen Dirigentenalltag reingucken, das würde mich schon interessieren, jetzt an so einem Probentag oder auch an einem Konzerttag. Hast du da feste Strukturen, also Dinge, die du immer tust?
AD: Ich nicht. Es ist ja alles vorgegeben vom Orchester und da sind die Abläufe relativ unterschiedlich. Also wann es losgeht, das ist mal 09:30 Uhr, mal ist es 10 mal 11. Das mag jetzt nicht so krass klingen, aber für einen selbst ist es doch schon… Das beeinflusst alles vom Aufstehen, vom Duschen, ob man das am Abend, am Morgen macht, wie man frühstückt.
AN: Ah, alles klar.
AD: Und wie lang die Probe ist… Gibt es 2 Proben am Tag? Wie viele Tage probt man insgesamt? Also, ich versuch da ganz bewusst, mich nicht zu sehr festzulegen auf 'ne eigene Routine, weil die kann man eh nicht durchführen am Ende.
AN: Ja, du bist 25.
AD: JA.AN: Du hast aber schon mit wahnsinnig vielen Orchestern gearbeitet. Ich hab das jetzt in Vorbereitung auf unser Gespräch noch mal noch mal durchgelesen. Du bist zum Beispiel jetzt seit der vergangenen Saison fester Gastdirigent am Concertgebouw in Amsterdam. Jetzt 2026 trittst du deinen ersten großen GMD-Posten an - in Bochum. Wie geht's dir gerade damit?
AD: Also, das Schöne ist, man kann sich immer wieder zurückbesinnen und das mache ich jeden freien Moment, der es geht. Zurück zur Musik. Dass es nicht um Positionen geht und nicht, welches Orchester ist wann dran und natürlich weiß man…. oder jedes Debüt ist wichtig! Auch jede Wiedereinladung ist wichtig und es sind dann auch immer neue Menschen, mit denen man zusammen musiziert. Aber ich, ich, ich versuch einfach… für mich sind ja auch die meisten Stücke immer neu als Dirigent, weil ich noch nicht alles dirigiert habe. Im Gegenteil, ist für mich zum ersten Mal eine Beethovensinfonie, eine Tschaikowski-Sinfonie, eine Mahler-Sinfonie. Und man sagt dann ja immer: Ja, das ist der Mahler-Experte oder der kann Bruckner. Woher soll ich das denn wissen jetzt zu meinem jetzigen Standpunkt? Das heißt, ich, ich geh da mit einer unglaublichen Neugier ran und mit einer enormen Vorbereitung und hab da auch meine Lehrer nach wie vor im Boot und Mentoren und Wegbegleiter. Aber ja, in der Tat, es gibt auch Momente, wo ich mir denke, das ist jetzt groß.
AN: Ich hoffe, es ist oK für dich, dass ich dir diese Frage stelle. Also ich, ich erinnere mich, wie das war, als ich angefangen hab, so mit Anfang, Mitte 20 als Musikjournalistin. Gut, ich stand nicht vor hunderten Musikern, teilweise. Aber trotzdem war (das) Alter oft ein Thema, dass man sagte: 'Ach, und Sie haben schon Musikwissenschaft studiert? O.K.. Ja, wissen Sie das denn schon?‘ Wie ist es bei dir? Ist das Alter ein Thema oder ist es im Endeffekt, wenn es dann um die Musik geht, doch egal, wenn ihr zusammen auf der Bühne seid? Wie erlebst du es?
AD: Es ist ein Thema und es ist kein Thema. Also, für mich ist es kein Thema und für viele ist es kein Thema. Und es gibt aber immer Einzelne, für die es ein Riesenthema ist, weil das erstmal so ist, dass ein junger Mensch halt da vorne steht und nicht die Erfahrung hat - haben kann - eines Orchestermusikers mit 20… 30 Jahren Berufserfahrung. Jetzt weiß ich nicht genau, wie das ist, aber ich glaub auch, um Bundeskanzler zu werden, braucht man ein Mindestalter. Da kann man nicht mit 18 schon sagen: 'Jetzt möchte ich das mal anstreben.' Ich mein, das würde sowieso nicht funktionieren, aber da gibt es sozusagen eine Altersuntergrenze. Das gibt es wieder beim Dirigieren nicht. Was ich jetzt mit der Zeit lerne und versuche mehr und mehr anzuwenden, ist authentisch zu bleiben. Wenn man einfach so ist, wie man ist, und man kann nur so gut sein, wie man eben ist in dem Moment und schon die Erfahrung hat und die Sachen drauf hat, dann ist das so. Und das Orchester ist ja auch ein unglaublicher Partner dann, wenn Sie wollen. Und das gilt es einfach für mich in jeder Woche neu zu justieren, dass man da auf Augenhöhe sich begegnet.
AN: Und dann ist im Endeffekt… ist Erfahrung auch eben nicht der Schlüssel zu allem, sondern du bringst natürlich diesen Orchestern auch immer wieder Sachen mit, die sie vielleicht lange nicht erlebt haben. Wo sie sich vielleicht ja auch hier und da noch selber erkennen. Weil ich finde zum Beispiel - das find ich ganz bemerkenswert, wenn man dich als Musiker erlebt - und du bist ja nun eben nicht nur Dirigent, du bist auch ein toller Organist, du bist auch Pianist. Also, ich hab dich als Pianisten kennengelernt vor vielen Jahren beim Tonali-Wettbewerb, den du hier in Hamburg gewonnen hast. Man spürt ja mit jeder Faser, wie du das lebst und wie du das liebst. Und ich glaube, dass so dieses Ansteckende auf der Bühne, das gibt den Orchestern ja auch ganz viel. Also, es kann ja für beide Seiten dann, dieses gemeinsame Kennenlernen auch für die Musiker, die es vielleicht schon 15 Mal gespielt haben, auch ein Wiederkennenlernen sein.
AD: Ich glaub, das ist so. Und man muss ja auch sagen, was ein älterer Mensch und Dirigent an Erfahrung hat, hat vielleicht ein junger Mensch an Enthusiasmus und an Energie, die zu viel sein kann. Aber manchmal ist es eben das, was man braucht für eine Woche und für ein Musizieren, was erfrischend ist und lebendig und motivierend. Und sowieso ist es ein dynamischer Prozess. Letztes Jahr war es so, jetzt ist es so, im nächsten Jahr wird es wieder anders sein. Also, bei jedem neuen Gespräch, wenn wir uns treffen, gibt es sicher wieder eine neue Sichtweise, die ich da drauf bringe.
AN: Das finde ich ganz schön. Ich habe aber tatsächlich ein älteres Gespräch mit dir gehört, wo du sagst, du findest Dirigieren ganz ehrlich, auch deswegen so interessant, weil du so viel Musik kennenlernen darfst. War das mit einer der Gründe, warum du gesagt hast, das ist jetzt schon der Weg, den du gehst und ich schließe direkt die Frage an, ist es der Weg, den du gehst oder werden wir dich auch weiterhin in diesen ganzen Rollen erleben?
AD: Zweimal ganz klares Ja. Also, das Repertoire, was wir haben beim Dirigieren oder mit der Orchesterliteratur - und dazu kommt ja noch Oper - ist so groß und alle Instrumente spielen mit, alle Gesangsrichtungen sind dabei. Mein Lieblingskomponist Anton Bruckner, den gibt's für kein anderes Instrument. Wir wissen, dass er auch der Organist war seiner Zeit, aber es gibt kein einziges Stück, was von ihm so richtig festgehalten worden ist, weil er ja alles improvisiert hat. Aber dann gibt's diese neuen Symphonien. Ich hab mich noch nicht dran getraut, aber das kommt. Und Das kann man an keinem Einzelinstrument so nachmachen. Deswegen ist das Dirigieren und das Orchestermusizieren im Verbund für mich das Größte.
AN: Ich finde das ganz schön. Es klingt so ein bisschen, als hattest du keine Wahl. Du musstest, du musstest auch noch zu diesem großen Orchesterapparat finden.
AD: Ja, irgendwie vielleicht ist das so.
AN: Ja, dabei ist dein Weg, finde ich, jetzt nicht unbedingt vorgezeichnet gewesen. Du kommst aus einer Familie, in der die Eltern keine Berufsmusiker sind. Wann war denn so für dich der Moment, wo du gemerkt hast, Ja, irgendwas ist aber in mir. Ich, ich muss das machen mit der Musik. Weißt du das noch?
AD: Ja, das war doch früh, weil meine Eltern waren keine Musiker, aber durchaus sehr musikbegeistert. Und wir waren in jeder Woche oder in fast jeder Woche, wo ich schon 6 war, entweder im Opernhaus in Hannover oder bei der NDR Radiophilharmonie. Und der Moment, wo ich dann dachte, wow, ich möchte eigentlich auch mal Musik machen und dann gleich dirigieren, das war tatsächlich der erste Wunsch vor allen anderen, war mit 6, wo wir in der Zauberflöte waren, in der 1. Reihe, wo ich direkt hinterm Dirigenten gesessen hatte. Und ich hatte 'n Kassettenrekorder dabei, hab das alles aufgenommen, dass ich dann zu Hause das irgendwie nachmachen kann. Wobei ich ja gar nicht wusste, was das heißt und es war mein erstes Mal in der Oper überhaupt. Aber, also ich vergess das bis heute nicht, wie das auf mich gewirkt hat. Ich wusste natürlich gar nicht, was das heißt und jetzt weiß ich, wie viel… wie viel damit einhergeht an Verantwortung, an Vorbereitung, auch an Druck durchaus. Aber es ist… ist einfach damals fantastisch gewesen und jetzt weiß ich, was es heißt und bin sehr froh und auch weiter überzeugt, dass das der Weg ist, den ich gehen möchte.
AN: Ich finde das auch einen wahnsinnig schönen Gedanken, dich jetzt irgendwann mal da unten im Orchestergraben vorzustellen und hinter dir sitzt ein kleiner Junge in der ersten Reihe und denkt sich so: wow, was der Typ da macht mit den lockigen Dirigentenhaaren, das möchte ich unbedingt auch machen.
AD: Ich glaub, das ist nicht ausgeschlossen.
AN: Seitdem ist ganz, ganz viel passiert, seit der sechsjährige Aurel die Zauberflöte gesehen hat und gedacht hat, das werde ich machen. Du hast früh angefangen mit allem. Du warst früh auch Jungstudent und so. Du hast ganz früh auch so zu den Wettbewerben gefunden. Du hast viele Wettbewerbe gemacht. Wir sind jetzt hier im Podcast vom Deutschen Musikrat. Jugend musiziert, war auch ein Thema. 7 mal erster Bundespreis. Holla die Waldfee! Also du warst quasi, du warst jeden Sommer bei Jugend musiziert.
AD: Ich war jeden Sommer… genau! Das fing an… Wie alt war ich da? Auf jeden Fall so alt, dass ich eh gar nicht zum Bundeswettbewerb zugelassen war, weil ich einfach zu jung war. Da hab ich tatsächlich mit Geige angefangen. Und in einem schönen Streichtrio haben wir uns jede Woche getroffen und die 2 Stücke geübt, die 15 Minuten Musik. Und so fing das alles an und dann mit mit der Zeit, mit den Jahren, ging es halt immer weiter bis zum Bundeswettbewerb. Und das werde ich nicht vergessen. Das erste Mal - 2013 war das, also schon vor über 10 Jahren - dort zu sein und plötzlich die, die, die die ganzen anderen Gleichaltrigen und auch etwas Älteren- immer noch Schuljungen und Schulmädchen - zu sehen, die man vielleicht auch irgendwo gehört hat und kennt und die auch Vorbilder waren in gewisser Hinsicht. Und da allemal auf einen Haufen zu haben für eine Woche, für ein Wochenende. Das war so 'ne Initialzündung, dass ich dann gesagt habe: 'So, jetzt jedes Jahr.' Und das dann das zusammenhängt auch mit… mit den Preisen, ist… ist ein wunderschöner Nebeneffekt sozusagen und hat auch viele Türen geöffnet, das muss ich natürlich zugeben. Mit… mit Stiftungen, mit Konzertmöglichkeiten, mit Einladungen, Weiterempfehlungen. Deshalb ist das ganz sicher das zentrale Element in meiner musikalischen Jugend gewesen.
AN: Für dich ging es mit dem Deutschen Musikrat auch noch ein bisschen weiter. Der Deutsche Musikrat unterstützt junge Musiker ja auf dem Weg in ganz unterschiedlichen Bereichen und es gibt dieses wunderbare Forum Dirigieren. Seit 2021 bist du da Mitglied, also Stipendiat heißt das, glaube ich, ganz offiziell. Umreiß das gern mal für uns. Wie haben die dich unterstützt? Was hat das für dich bedeutet, auch auf dem Weg?
AD: 2021 war ja Corona, nach wie vor. Das war mein Start, wo ich mich beworben habe fürs Forum, weil das irgendwie klar war für alle, die in Deutschland dirigieren, studieren oder auch eben Deutsche sind, ist das die Adresse Nummer 1. Da möchte man hin, weil, wie es so schön heißt, ‘Förderung des dirigentischen Spitzennachwuchses‘ und da möchte man dazugehören. Aber es ist gar nicht so leicht, da reinzukommen, weil es gibt eine reguläre Audition und ein Gespräch und auch verschiedene Etappen. Aber wenn man dann einmal drin ist und es geschafft hat, was bei mir auf dem ersten Anhieb ging, ansonsten gibt es auch bis zu 3 Versuche sozusagen reinzukommen, ist man Teil dieser… dieser Familie und des Verbundes der Dirigenten. Was so wichtig ist. Weil, wir kennen das ja im Orchester: jeder, der neu reinkommt, hat seine Gruppe, seine Instrumentengruppe. Es gibt die Holzbläser, Blechbläser, Percussion und Streicher. Und der Dirigent ist immer alleine. Es gibt da keinen Partner, es gibt keinen Austauschmoment, was man teilen kann mit einem. Und das ist da natürlich ganz anders, weil man plötzlich in einer Gruppe ist mit 20, 30 anderen jungen Dirigentinnen und Dirigenten. Und man trifft sich auf Meisterkursen, auf speziellen Seminaren, wo es ums Dirigieren geht, um Führung geht, um viele andere Dinge, die vielleicht außermusikalisch sind, aber auch dazugehören, und so über die Jahre begleitet wird, auf dem Weg eben von junger Dirigent noch im Studium stehend am Anfang der Karriere bis hin zur festen Position hier und dort und dann das eine Art Sprungbrett darstellen kann und das ist fantastisch.
AD: Ja, du triffst ja auch wahnsinnig viele auch andere interessante Dirigenten, du hast auch mit vielen Dirigenten schon zusammengearbeitet. Was nimmst du mit, schon aus den letzten Jahren Forum Dirigieren, auch vielleicht sogar für deine tägliche Arbeit jetzt?
AD: Es sind tatsächlich die Freundschaften, die da geknüpft worden sind. Weil das Handwerkliche und das Proben und alles, was ja der Kern ist unserer Arbeit, man kann das lernen, man kann sich da verbessern, aber in Wahrheit wird man nur mit Orchester, mit der Praxis selbst, kommt man da die die Schritte weiter. Aber was so unglaublich wichtig ist, wenn man dann eben nach der Probe irgendwie alleine in der Stadt unterwegs ist, abends sich nochmal die Partitur aufmacht und… und nicht weiterweiß, was macht man dann? Und dann hat man eben Freundin A, Freund B und Kollegen C, wo man, wo man weiß, der hat vielleicht das Stück schon gemacht oder der hat mit diesem Orchester schon gearbeitet oder da ist es einfach nett, auch mal über etwas anderes zu sprechen.. Und dann ist man in Kontakt und tauscht sich aus. Also eine große Plattform der Kommunikation.
AN: Ich glaub, in den Büros beim Deutschen Musikrat hat man immer wieder gedacht, ‘Moment, das ist doch jetzt vielleicht auf dem falschen Stapel gelandet‘, weil in so vielen unterschiedlichen Disziplinen der Name Aurel Dawidiuk aufgetaucht ist. Weil ein besonderer Moment aus den vergangenen Jahren, was so die Preise angeht, war zumindest jetzt mal aus Außensicht der Deutsche Musikwettbewerb 2022. Da hast du gewonnen und zwar als erster Organist seit über 20 Jahren.
AD: Das war so, das war so. Und das Lustige war auch noch, dass der Preisträger, der eben vor 20 Jahren das gewonnen hat, der Christian Schmidt, in der Jury war. Also, er durfte mitbestimmen, wer der Nächste ist, sein Nachfolger gewissermaßen. Ja, das war eine ganz, ganz besondere Situation. Auch da, aufgrund von Corona, ein bisschen aufgesplittet, die Runden und die Standorte. Und das Finale war dann im Sommer 2022 mit der Gesamtjury, wo dann nicht unterschieden wird zwischen Orgeljury und Geigenjury und da sind die Sänger und alles wird separat bewertet. Sondern es geht wirklich in der Finalrunde, vorher ist es getrennt, aber im Finale alles zusammen: Musik. Musik im Vordergrund. Und da habe ich ein 45-minütiges Orgelrezital vorbereitet. Es war auch der Wunsch, dass man durchaus sich frei einbringt und dann habe ich eine Minute lang den lateinischen Hymnus Venicreatus Spiritus gesungen. Und danach kam das eben in verschiedenen Werken wieder von Rega und von anderen Franzosen. Ja, und dann, dass es so gekommen ist, ich mein, das müssen andere beurteilen und bewerten, haben sie auch gemacht… und ich bin unglaublich froh, dass das mit der Orgel auch deshalb dann schön weiterging und ich jetzt Konzerte spielen darf, hier und dort auch in der Elbphilharmonie steht es in der kommenden Saison an, weil die Orgel vielleicht das „orchesternäheste“ Instrument ist mit allen Farben und den Möglichkeiten, die man da eben hat.
AN: Ich finde das so schön, wenn du über diese Projekte redest und generell, wenn du über Musik redest, dass sie diese Freiheit so wichtig zu sein scheint. Ist das vielleicht dein Geheimrezept? Was meinst du?
AD: Ich hab noch nicht darüber nachgedacht, was so mein Rezept oder mein Motto ist. Ich werde immer wieder drüber gefragt. Das stimmt. Es war ganz toll, vorletzte Woche in Amsterdam beim Concertgebouw und da war der Ivan Fischer da. Und der ist ja auch ein besonderer Typ.
AN: Ein ganz besonderer Typ.
AD: Und das sind die Ansagen: Bitte nicht zusammen spielen. Wir machen es frei, einmal so, einmal so. Und das nehme ich mir schon zum Vorbild. Dass es nicht darum geht, natürlich haben wir den Rahme und wir versuchen immer alles perfekt zu spielen, internationssicher zusammen, Artikulation soll stimmen. Aber das ist dann nur Mittel zum Zweck. Im Konzert ist dann einfach freilassen und die Momente erspüren, ob jetzt im großen Verbund mit Orchester oder allein am Instrument. Aber das ist vielleicht mein Motto.
AN: Mit einem ganz besonderen Klangkörper. wirst du arbeiten, jetzt 2026 mit dem Bundesjugendorchester nämlich. Warst du jemals irgendwie Teil vom Bundesjugendorchester?
AD: Ich wollte es immer sein.
AN: Aber das ist halt dann wieder schwer, ne, mit Klavier und mit der Orgel.
AD: Es ging nie. Es gibt dann ja manche Projekte, wo es einen Pianisten braucht. Ja, und da wollen alle. Und es hat einfach nicht gepasst. Und deswegen bin ich so froh, dass es jetzt funktioniert, weil ich das BJO wirklich, muss ich sagen, ich bin großer Bewunderer dieses … dieses Orchesters und eben auch der immer der nächsten neuen Generation, weil es ja auch alle paar Jahre ist ein komplett neues Orchester mit neuen Gesichtern.
AN: Und was aber, glaube ich, das Bundesjugendorchester ja total ausmacht, ist eben auch genau das, was du mitbringst, diese… diese wahnsinnige Frische, diese… diese Lust, einfach Musik zu machen, komm auf was wolle und vielleicht auch dieses extra Quäntchen, was alle noch mitbringen. Worauf freust du dich am meisten?
AD: Ich glaube, ich freue mich am meisten. Nein, ich freue mich auf alles. Ich wollte jetzt aussuchen und sozusagen priorisieren, die Probe, die Konzerte, weil wir sind ja auf Tour und spielen wirklich an vielen tollen Orten in Hamburg, in Berlin und anderswo. Ich freue mich auch auf die Busfahrten zwischendurch und auf einfach ganz normale Gespräche. Ich meine, so weit sind wir ja nicht entfernt voneinander, alterstechnisch. Und ich, ich freu mich auf alles, aufs Musizieren und auf die menschlichen Momente abseits des Musizierens und.. und ja, also ich freu mich einfach.
AN: Und ich würde sagen, wir setzen uns einfach danach noch mal zusammen und dann erzählst du ein bisschen, wie es war mit dem Bundesjugendorchester.
AD: Unbedingt!
AN: Ich hab aber eine letzte Frage, die ich mich wirklich - wenn ich alles über dich so lese - frage, wie und wo lebst du eigentlich im Moment?
AD: Ich leb in Hannover, das ist nach wie vor- genau - die Heimat ist seit Tag 1 die gleiche. Ich bin in Amsterdam auch fest, ich werd abkommen, das ist auch in Bochum fest und man ist dann ja immer auch wochenweise beim jeweiligen Orchester in der jeweiligen Stadt fest, aber mein Zuhause ist Hannover und auch mein Rückzugsort. Und da freu ich mich immer wieder, eine Runde um den Maschsee zu laufen oder meine Freunde zu treffen und eben von dort aus dann wieder Kraft zu sammeln, um weiterzugehen.
AN: Das wollte ich gerade fragen, ist das auch was, was dir Kraft gibt, Natur, die Familie, die Freunde?
AD: Vor allem aber Zeit zu Hause, weil man ist so viel unterwegs in Hotelzimmern, im in Flugzeugen, in Bahnen, was womit ich ganz gut zurechtkomme, und ist für mich auch schön, Zeit alleine zu verbringen, unterwegs. Aber dann wirklich zu Hause anzukommen, mit den Menschen zu sein, die man wirklich lange kennt und mag und liebt, das ist der Kern von allem.
AN: Ich danke dir sehr für deine Zeit. Ich wünsche dir alles, alles Gute jetzt für die kommenden Monate.
AD: Danke.
Vielen Dank, bis zum nächsten Mal.
AN: Das war gemeinsam für Musik der Podcast vom Deutschen Musikrat heute mit dem Dirigenten, Pianisten und Organisten Aurel Dawidiuk. Wenn ihr ihn im Sommer live erleben wollt als Dirigent des Bundesjugendorchesters, dann guckt euch die Termine an, die gibt es alle im Internet auf bundesjugendorchester.de oder auf der Website vom Deutschen Musikrat. Ich bin Anna Novak, ich bin froh, dass ihr dabei wart, dass ihr zugehört habt und ich hoffe, ihr hattet beim Gespräch genauso viel Spaß wie ich. Bis bald, macht's gut.
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