Folge 27: Bundesjugendchor - Aufbruch in die Freiheit
Shownotes
„Aufbruch in die Freiheit“ lautete das Motto des Sommerprogramms 2025 des Bundesjugendchors. Das Spitzennachwuchsensemble widmete sich darin den großen Themen unserer Zeit: Unterdrückung, Ausgrenzung, Emigration, Freiheit und Hoffnung auf Selbstbestimmung – musikalisch facettenreich, emotional berührend und mit Werken des 20. und 21. Jahrhunderts.
Die Musikjournalistin Magdalene Melchers hat mit Prof. Anne Kohler, der künstlerischen Leiterin des Bundesjugendchors, einigen Chorsänger:innen, der Komponistin Nana Forte und den beiden Dirigent:innen Lucia Birzer und Prof. Martin Steidler über das Programm und die Arbeit des Bundesjugendchors gesprochen.
Aus Urheberrechtsgründen enthält der Podcast keine Musikbeispiele.
NDR Kultur hat das Konzert des Bundesjugendchors am 28. August 2025 beim Musikalischen Sommer in Ostfriesland in Esens aufgenommen und als Konzert sowie als Chormusik-Sendung gesendet. Unter diesen Links können die Stücke nachgehört werden.
Transkript anzeigen
DMR Podcast-Folge 27: Bundesjugendchor – Aufbruch in die Freiheit
von Mechthild Melchers
veröffentlicht: 10. Februar 2026
Link:
Transkript
Gemeinsam für Musik. Der Podcast des Deutschen Musikrats.
Anne Kohler: Mich beschäftigen die politischen Verhältnisse ganz stark. Mich beschäftigt der Zuwachs an rechten Kräften in der Gesellschaft. Und das beängstigt mich.
Magdalene Melchers: Anne Kohler ist Professorin für Chorleitung an der Hochschule für Musik Detmold und künstlerische Leiterin des Bundesjugendchores. Die Ausbildung exzellenter Stimmen beinhalte unverzichtbar Freiraum für die Persönlichkeitsentfaltung. „Aufbruch in die Freiheit“ lautet das Konzept für die Konzerte 2025.
Caroline Wiese: Der Bundesjugendchor wurde 2021 gegründet.
Magdalene Melchers: Caroline Wiese ist Projektleiterin des Bundesjugendchores.
Caroline Wiese: Das ist ein Auswahlensemble für exzellente Nachwuchssängerinnen im Chorbereich - bundesweit. Und es gibt ein Vorsingen, bei dem die Sängerinnen und Sänger eine Arie vorbereiten, ein Volkslied. Und im Anschluss wird entschieden, ob sie zum Vorsingen eingeladen werden. Und dann werden eben Rhythmusdiktate abgeprüft, vom Blattlesen abgeprüft. Und ja, dann am Ende entscheidet eine Jury, ob sie eben aufgenommen werden oder nicht.
Anton Förster: Also ich bin Anton Förster. Ich singe in diesem Chor, weil ich hier die Chance habe, mit Leuten aus ganz Deutschland, die alle dieselbe Leidenschaft haben wie ich, das gemeinsam zu tun. Und ich glaube, das hat man so in seiner Stadt oder in seiner Region nicht, sondern man braucht irgendwie für dieses Niveau eine bundesweite Auswahl. Und da ist es sehr schön, mit diesen Leuten zusammen zu musizieren.
Anna Kohoff: Ich bin Anna Kohoff. Und ich singe in diesem Chor, weil es eben auch so tolle Leute sind. Es ist ein kleines Sammelbecken für Chor-Enthusiast:innen aus ganz Deutschland. Wir machen ganz tolle Programme, sehr schöne Auswahl an Stücken.
Pauline Beauchamp: Ich bin Pauline Beauchamp und ich singe in diesem Chor mit, natürlich auch, um neue Menschen mit derselben Gesinnung kennenzulernen und um einfach Gemeinschaft zu erleben, die im Laienbereich natürlich da ist, aber die man im Profibereich häufig vermisst, weil die Motivation nicht mehr so da ist. Also wir sind hier alle unbezahlt und das sorgt dafür, dass irgendwie alle mit einer Lebendigkeit reinkommen, die mir sehr gefällt und natürlich auch, um ein neues Programm kennenzulernen und um musikalisch Sachen auszuprobieren, auf die ich nicht alleine gekommen wäre.
Christian Jahraus : Ich bin Christian Jahraus und ich singe in dem Chor aus Freude an der Musik auf jeden Fall. Also ich bin seit Gründung mit dabei und habe schon wahnsinnig viele sehr gute Freunde über den Chor auch kennengelernt und wahnsinnig viel tolle Musik gemacht mit verschiedenen Dirigenten an ganz tollen Orten. Also, es ist wirklich auch sehr schön, was man auch geboten bekommt. Also auch Stimmbildung und alles Mögliche. Also, es ist schon auch ein Riesen-Luxus, für den ich sehr dankbar bin.
Magdalene Melchers: Chorsänger:innen im Alter von 18 bis 26 Jahren präsentieren nach intensiven Arbeitsphasen jährlich anspruchsvolle Programme mit Werken von der Renaissance bis in die Gegenwart.
Caroline Wiese: Für den Bundesjugendchor, also für den Deutschen Musikrat, ist es auch wichtig, dass die jungen Erwachsenen neue Kompositionen kennenlernen. Und Auftragswerke sind natürlich eine besondere Form, mit Komponistinnen, mit lebenden Komponistinnen und Komponisten, ins Gespräch zu kommen. Und so wurde eben an Nana Forte ein Kompositionsauftrag vergeben.
Magdalene Melchers: Die 1981 in Slowenien geborene Komponistin Nana Forte gewinnt Preise für Orchesterwerke, Kammermusik und ihre charakteristische Chormusik, die aufgeführt wird vom Netherlands Radio Choir, Danish National Vocal Ensemble, Helsinki Chambers Choir, den BBC Singers und dem MDR Rundfunkchor. Für den Bundesjugendchor komponierte Nana Forte nach einem Gedicht von Paul Éluard „Liberty“.
Nana Forte (NF): In der heutigen Zeit hatte ich meistens an die Freiheit global gesehen, weil wir leben in einer sehr unruhigen Zeit. Es gibt viele Kriege und die Menschen leiden und deswegen wollte ich auch so einen Text finden, der das in sich trägt.
Anne Kohler: Und ich wusste nicht, was sie schreiben würde und war dann überrascht, dass auch sie sich diesen Text von Éluard vorgenommen hat. Aber sie hat ihn deutlich gekürzt, also hat nicht alle Strophen vertont und vielleicht die für sie wichtigsten Strophen.
Nana Forte: Vielleicht "on hope without memories". Diese Zeile war für mich sehr schön, aber auch viele andere. Das ist so schwer zu sagen.
Anne Kohler: Was sie beibehält, ist die Doppelchörigkeit und das Dialogprinzip, und der Text kriegt aber durch die Übertragung ins Englische, also, der kriegt so ein bisschen mehr Bodenhaftung. Das Französische klingt so charmant und sehr grazil und leichtfüßig, und das Englische fand ich fordernder.
Nana Forte: Ich gehe immer aus dem Text heraus. Jeder Satz, jedes Wort hat „ein Klang“. Ich schreibe gern Musik für Chor mit vielen Repetitionen.
Magdalene Melchers: Bei inhaltlich herausfordernden Werken in einem Programm stärken die technische Souveränität und Achtsamkeit - die individuelle Haltung.
Anne Kohler: Das ist eine gewisse Professionalität, diese Grundvoraussetzungen nicht zu verlassen, also eine gute Positionen, eine gerade Statur, einen tiefen Atem. Und dafür muss natürlich auch ein Dirigent sorgen, dass die Sänger das immer wieder finden können. Also, das Instrument Stimme wird ja permanent neu gebaut. Und ich darf auch, wenn ich sehr ausdrucksstark versuche zu dirigieren, diese Grundpositionen nicht zerstören. Das wissen, glaube ich, die Sänger, und sorgen da für sich. Aber ich habe auch schon Situationen in Konzerten erlebt, wo jemand anfängt zu weinen oder wo alle so extrem angefasst sind, dass vielleicht auch etwas mal fragil wird. Ist dann aber auch nicht so schlimm, das gehört dazu.
Anne Kohler legte die Leitung des Bundesjugendchores krankheitsbedingt kurzfristig in andere Hände.
Caroline Wiese: Wir hatten eben Glück, dass Lucia Birzer (LB) ohnehin als Assistentin engagiert war, für 3 Tage eigentlich nur, und sozusagen ins kalte Wasser geschmissen wurde und gesagt hat: 'O. K., dann beginnen wir jetzt mit der Einstudierung und bereiten das Konzert vor.' Lucia Birzer ist Stipendiatin der zweiten Förderstufe beim Forum Dirigieren des Deutschen Musikrates. Sie ist Chordirektorin und Kapellmeisterin am Theater in Regensburg und gleichzeitig auch Komponistin und hat selber Erfahrung eben auch in der Jugendchorarbeit.
Lucia Birzer: Das Stück 'Die Gedanken sind frei' kennen wir alle, das Volkslied, ist auch sehr wahr, einfach unglaublich wahr, immer noch zeitgemäß. Und dieses Pop-Arrangement von Oliver Gies macht einfach ganz viel Freude, weil ich hab das Gefühl, er trifft genau den Ton zwischen 'Wir grooven da und haben irgendwie Freude und haben Spaß' und man spürt trotzdem so diesen wahren Kern und man spürt so dieses 'Die Freiheit will raus' und gerade mit diesem jungen Chor, mit den jungen Leuten, die sich da voll einlassen, auch auf diese andere Stilistik und da total drin sind und schaffen, plötzlich stimmlich umzustellen, plötzlich wie ein Popchor zu klingen, als würden sie nichts anderes machen.
Magdalene Melchers:Das multiperspektivisch anspruchsvolle Konzertprogramm dirigieren Lucia Birzer und Professor Martin Steidler (MS), dessen Ensemble in der Elbphilharmonie oder der Carnegie Hall zu hören sind. Ein Chor wird gerne als „ein Klangkörper“ beschrieben. Auf Kosten jeglicher Individualität?
Martin Steidler: Klar ist ein Chor jetzt ein Kollektiv, wo man versucht, eine gemeinsame Sprache zu finden. Was nicht heißt, dass die Individualität keine Rolle spielt. Die gemeinsame Sprache lebt von der Vielfalt der verschiedenen stimmlichen Ansätze. Und trotzdem versucht man ja in der Arbeit eine gemeinsame Idee zu entwickeln. Und die Gestaltung, die stimmliche Gestaltung, ist ein bewusstes Mittel, um eben die Gefühle und den Inhalt von einem Stück auszudrücken. Und wenn ich jetzt gemeinsam zu dem Schluss komme mit dem Chor, etwas hat eine sehr dunkle Farbe, dann muss ich versuchen, das mit einer dunklen Farbe zu singen. Auch die helleren Stimmen versuchen dann dunkler zu färben. Trotzdem ist natürlich der Farbreichtum der verschiedenen Stimmen da.
Magdalene Melchers: Der Bundesjugendchor vereint wirkmächtige, individuelle Stimmen. Und doch geht es um weit mehr als um hochkarätige Konzerte. Die Persönlichkeitsentfaltung zählt zu den Zielen in der Zusammenarbeit, um in verschiedenartigen Lebenssituationen und auch in einem fordernden Programm Haltung und somit die Stimme bestmöglich zu bewahren.
Anne Kohler: Die Sängerinnen und Sänger müssen immer lernen, mit ihrem Körper gut umzugehen, nicht müde zu sein zum Beispiel, also auch wenn die mal Party machen. Aber es gibt einfach in so einer 14-tägigen Arbeitsphase viele Nächte, wo man weiß, ich muss früh ins Bett gehen, damit ich diese 14 Tage durchhalte. Vor allen Dingen die Soprane. Und die tun das auch ganz konsequent. Das kann im Bass schon mal anders aussehen, aber trotzdem ist das eigentlich eine Aufgabe für alle jungen Sänger, auf sich zu achten und da auf den Körper zu hören, denn sechs Stunden am Tag zu singen, ist eigentlich wie ein Hochleistungssport.
Magdalene Melchers: Der Bundesjugendchor spiegelt im Gesamtklang ein Kaleidoskop exzellenter Stimmen und beachtlicher Charaktere, Ton für Ton, Wort für Wort. Wie in der Komposition der 1946 geborenen Ysaye Maria Barnwell, „Would You Harbor Me?“ - Würdest Du mich beherbergen?
Anne Kohler: Als ich in Frankreich auf einem Chorfestival war, da habe ich das so als einzelnes fliegendes Blatt aus einem Stapel Noten gezogen, habe den Text gelesen und habe gesehen, dass die Musik nicht besonders abwechslungsreich oder anspruchsvoll ist, aber mich hat der Text einfach so gecatcht. "Würdest du mich beherbergen, wenn ich der und der bin, wenn ich krank bin, wenn ich eine andere Religion habe, wenn ich ein Geschlecht habe, was dir fern liegt oder wie auch immer?" Die hat mich bewegt, denn wir wissen nicht, ob uns nicht auch eines Tages die Situation widerfahren wird, dass wir irgendwo anders hingehen müssen. Und unsere Vorfahren haben das erlebt, Flüchtlinge zu sein. Meine Mutter war auf 14 verschiedenen Schulen und musste immer wieder neu anfangen und sich irgendwo zurechtfinden. Und deswegen lag mir das am Herzen. Unter anderem auch, weil es von einer Schwarzkomponistin geschrieben ist.
Neuer Kommentar